Das Tal der teuren Talente

Im Silicon Valley ist ein verbissener Kampf um Fachleute für die IT-Branche entbrannt. Die Branchenriesen ringen um Nachwuchs - der Wettstreit ist sogar an der Wall Street zu spüren.

Dem Silicon Valley gehen die Fachkräfte aus. Mit Gehaltserhöhungen und höheren Boni kämpfen die Firmen darum, erfahrene und gut ausgebildete Mitarbeiter zu halten. So spendierte Microsoft seinen 90.000 Mitarbeitern im April einen Nachschlag beim Gehalt. Zuvor hatte schon Google die Löhne seiner Angestellten um zehn Prozent angehoben.

Brancheninsidern zufolge sind die Einstiegsgehälter für Uniabsolventen im vergangenen Jahr um 30 bis 50 Prozent gestiegen. "Der Wettbewerb ist extrem intensiv. In vielen Fällen erhalten Spitzenkräfte zahlreiche Angebote und Gegenangebote", sagte Jim Breyer vom Facebook-Investor Accel Partners der Financial Times. Accel Partners ist mit rund zehn Prozent an Facebook beteiligt.
Mehr noch als Programmierer, die sich um die Rechenprozesse im Hintergrund kümmern, sind laut Breyer Produktdesigner gefragt. Zahllose neue Firmen entwickeln Software für Verbraucher, sei es für soziale Netzwerke oder Mobilfunkanwendungen. Deshalb steht die Fähigkeit, leicht verständliche und ansprechende Schaltflächen zu entwerfen, hoch im Kurs. "Das Angebot an Designern und Leuten mit Erfahrungen bei Firmen wie Apple ist außerordentlich klein", sagt Breyer, der auch im Verwaltungsrat von Facebook sitzt.

Ebenfalls stark nachgefragt sind Datenanalysten. Sie finden etwa heraus, ob Kunden eher grüne oder rote Schaltflächen wünschen oder auf ein 20 Pixel großes Bild besser reagieren als auf ein zehn Pixel großes. Ihre Erkenntnisse geben sie an die Produktdesigner weiter. Für Firmen, die in Klickzahlen denken und die bei ihren Investoren Wachstum vorweisen müssen, sind die Ergebnisse der Datenanalysten von großer Bedeutung.

Da viele Wagniskapitalgeber bereits von einer Überhitzung im Silicon Valley sprechen, nimmt die Zahl der Investitionen in Europa zu. Trotzdem ist die Konkurrenz um Fachkräfte hier bislang weniger scharf - mit der Folge, dass London erstmals seit Jahrzehnten günstige Bedingungen für Headhunter und Firmenchefs bietet.

"In San Francisco ist es unglaublich teuer, Leute einzustellen. Das ist einer der Gründe dafür, weshalb unser Entwicklungsteam in London geblieben ist", sagt Alicia Navarro, Chefin von Skimlinks. Der Technologiedienstleister im Bereich Onlinemarketing ist gleichermaßen im Silicon Valley wie in London vertreten. "Auch in London ist es noch hart, weil man hier mit Banken konkurriert, die das Doppelte bezahlen können", sagt Navarro. "Aber dennoch ist die Situation besser als in San Francisco."

Qliktech, die Datenanalyse und -verwaltung für Firmen anbieten, verlegten 2002 den Firmensitz aus Schweden in die USA und sind dort seit vergangenem Jahr börsennotiert. Die Entwickler sitzen jedoch weiter im schwedischen Lund, wo man mehr Stabilität bei der Belegschaft genießt. "In Schweden zu sein und erfolgreich zu sein war für uns von Vorteil", sagte Qliktechs Vertriebschef Anthony Deighton. "Viele Mitarbeiter sind seit über zehn Jahren bei uns. So etwas findet man im Silicon Valley nicht, völlig unmöglich. Entwickler sind nicht wegen ihres Gehalts so teuer, sondern weil man sie neu einstellen und neu ausbilden muss."

Nach Aussagen von Personalern steigt allerdings auch in Europa der Bedarf an Fachkräften rasch an. Der IT-Dienstleister Logica beispielsweise stellt dieses Jahr statt 2500 rund 4000 Uniabsolventen ein. Alex Farrell vom Personaldienstleister The IT Jobs Board sagte, ein Arbeitgeber aus Deutschland habe sie kürzlich angerufen, weil er auf der Suche nach 1000 Beratern sei. "So etwas ist mir in meinen 15 Jahren im IT-Bereich noch nicht untergekommen", sagte Farell.

Auch in Asien wird der Kampf um die besten Mitarbeiter verbissener. In Indien sei die Personalfluktuation von den üblichen zehn bis zwölf Prozent auf 17 Prozent geklettert, teilt der Branchenverband Nasscom mit. Die Firmen reagieren, indem sie Studenten eher unter Vertrag nehmen - eine Strategie, auf die auch im Silicon Valley einige Startups setzen.
Wie zu Zeiten der Internetblase in den 90er-Jahren würden die Leute schon vor ihrem Abschluss verpflichtet, sagte Harj Taggar vom Wagniskapitalgeber Y Combinator.
Damals hätten vor den PC-Räumen der Universität Illinois Mitarbeiter von Paypal herumgelungert und versucht, die Studenten für den Bezahldienst zu begeistern. Heute sei es wieder so, aber noch intensiver, da mehr Startups Anschubfinanzierungen erhalten, sagte Taggar.  Quelle: Financial Times

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