Deutschland wächst, Europa zittert
Um satte 3,5 Prozent soll die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr laut Herbstgutachten der Wirtschaftsforscher wachsen. Das ist gut für Deutschland, denn das Wachstum schafft Arbeitsplätze und lässt das Steueraufkommen steigen. Für die meisten anderen Euroländer aber ist der deutsche Boom ein großes Problem - und das könnte auf die Dauer auch auf Deutschland zurückschlagen.
Das starke Wirtschaftswachstum im Exportland Deutschland erklärt sich vor allem durch die Nachfrage aus Ländern außerhalb Europas, sagt Professor Udo Broll, Volkswirtschaftler an der TU Dresden. «Durch die Finanz- und Wirtschaftskrise ist ein beträchtlicher Nachholbedarf für Investitionsgüter, die insbesondere in Deutschland hergestellt werden, entstanden. Diese Nachfrage entwickelt sich aber besonders in Asien.»
Der Dresdner Wissenschaftler sieht jedoch bereits das Ende der überdurchschnittlichen Wachstumsphase voraus. «Dieser Nachfrageeffekt wird sich im Laufe des Jahres 2011 abschwächen», sagt er und erklärt das mit einer Sättigung der Nachfrage nach Investitionsgütern in Schwellenländern. Eine steigende Nachfrage aus Europa, wohin Deutschland immerhin einen Großteil seiner Waren exportiert, erwartet der Wissenschaftler dagegen nicht: «Die Abschwächung des Wachstums folgt auch aufgrund der geringen Nachfrage der schwachen Euroländer», so Broll.
In vielen dieser Euroländer sieht die Lage momentan gar nicht gut aus. Frankreich wächst nur um 1,6 Prozent, Irlands Wachstum liegt bei 0,5 Prozent, Spanien muss mit Minus 0,3 Prozent sogar einen negativen Trend verzeichnen. Und für das hochverschuldete Griechenland sagt der IWFInternationale Währungsfonds mit Sitz in Washington. ein Minus von vier Prozent voraus. Neben strukturellen Schäwchen der eigenen Wirtschaft macht der starke Euro und die gemeinsame Währungspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) den sogenannten PIGS-Staaten zu schaffen.
Nobelpreisträger spricht von Austritt Deutschlands aus der Eurozone
Interessant ist in diesem Zusammenhang das Verhältnis dieser Länder zu Deutschland: Einerseits profitieren sie von Europas Wirtschaftslokomotive: «Durch das Wachstum der größten Volkswirtschaft in Europa wird der Import, das bedeutet der Export der EU-Mitgliedsländer, erhöht. Mit dem höheren Einkommen in Deutschland wächst die Nachfrage nach ausländischen Gütern und Dienstleistungen», erklärt Udo Broll.
Andererseits dürfte das starke Wachstum in Deutschland den PIGSPortugal, Irland, Griechenland und Spanien-Staaten sogar ein Dorn im Auge sein. Das Problem nämlich ist: Werden viele Waren aus Deutschland nachgefragt, benötigen die außereuropäischen Importeure den Euro, der dadurch an den internationalen Devisenmärkten steigt. Doch für eine wirtschaftliche Erholung bräuchten die PIGS-Staaten einen sinkenden Euro und flexible Wechselkurse innerhalb Europas, damit ihre Waren im Ausland – und auch in Deutschland – günstiger werden.
Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz ging in einem Aufsatz sogar einmal soweit, dass er von einem «Austritt Deutschlands aus der Eurozone oder einer Teilung der Eurozone in zwei Unterregionen» sprach.
Stiglitz kritisiert in diesem Zusammenhang auch die staatenübergreifende Währungspolitik der Zentralbank: «Die Festlegung der Wechselkurse und die Übertragung der Währungspolitik an die EZB beseitigten zwei wichtige Instrumente der nationalen Regierungen, um die Konjunktur ihrer Volkswirtschaften zu beleben und eine Rezession zu verhindern», sagte Stiglitz.
Probleme einer Währungspolitik für ganz unterschiedliche Staaten
Für ihre Währungspolitik muss die EZB zwischen äußerst verschiedenen Ausgangsbedingungen in den Ländern abwägen. Dabei dürfte die Lage großer Volkswirtschaften stärker ins Gewicht fallen. Aufgrund der guten wirtschaftlichen Lage und einer langsam ansteigenden Inflation in Deutschland dürfte die EZB in nächster Zeit eher die Zinsen leicht anheben als sie weiter zu senken. Und eben genau das wäre für Irland äußerst kontraproduktiv. Das Land steckt mit einer Inflationsrate von Minus einem Prozent in einer Deflation, eine Zinsanhebung würde wirtschaftliche Investitionen noch weiter bremsen. Für Irland wäre somit eine weitere Zinssenkung notwendig.
Um die immer offensichtlicher werdenden Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen, brachten unter anderen Frankreichs Präsident Nikolas Sarkozy und seine Wirtschaftsministerin Christine Lagarde zu Jahresbeginn eine europäische Wirtschaftsregierung ins Spiel. Das Ziel war eine Koordinierung der Wirtschaftspolitik in den Euroländern. Doch der Vorschlag ist momentan vom Tisch, vielleicht auch, weil es in Frankreich gerade wieder besser läuft.
Doch die Lage in den PIGS-Staaten wird dadurch nicht besser. Udo Broll warnt: «In einer solchen Situation gibt es die Gefahr, dass sich makroökonomische Ungleichgewichte verfestigen, wenn die europäischen Defizitländer nicht wettbewerbsfähiger werden.»







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